Unser Haus
Die Seminarbibliothek
Über dem Haupteingang liegt der große
Bibliotheksaal (im Bild). Er misst 11 x 8,8 Meter und erstreckt
sich über zwei Stockwerke. Die Decke wird von zwei Säulen
getragen, welche die Zweiheit Schrift und Tradition
versinnbildlichen. In den sechs von kunstvollen Stuckaturen
umrahmten Flachkuppeln hat Franz Anton Zeiller Darstellungen der
theologischen Fächer gemalt, die damals gelehrt wurden:
Bibelwissenschaft, Mystik und Aszetik, Dogmatik und Moral,
Jurisprudenz, Apologetik, Rhetorik. Die Zwickel stellen Vertreter
der jeweiligen Disziplin dar. Ursprünglich waren die Bücher der
jeweiligen Fächer in den Regalen unter den entsprechenden Bildern
zu finden.
Der Schlüsselsatz und das Programm der
Bibliothek lautet: "Si Christum noscis, nihil est, si cetera
nescis, si Christum nescis, nihil est si cetera noscis". Zu
deutsch: "Wenn du Christus kennst, macht es nichts, wenn du das
übrige nicht kennst, wenn du aber Christus nicht kennst, ist alles
übrige, was du kennst, wie nichts".
Das erste Fresko über dem Eingang ist der
Bibelwissenschaft (im Bild) gewidmet und stellt den hl. Hieronymus
mit einem Löwen dar (das Gesicht des Löwen soll die Züge des
damaligen Fürstbischofs Leopold von Spaur tragen). Hier sind
wieder die Parallelen zum Escorialkloster zu erwähnen, da ja von
Hieronymiten bewohnt wurde. Das Bild ist signiert: "Franz Ant.
Zeiller Cels.mi & Rev.mi DD. Epi. et S.R.I. Prin.cis Brixin. Pict.
Aul. Pinx. MDCCLXXII".
Gegenüber sind Vertreter der Aszetik und Mystik
dargestellt: u.a. zwei Heilige aus dem Karmelitenorden, Theresia
von Avila und Johannes vom Kreuz, der hl. Ignatius von Loyola, der
hl. Johannes Klimakos, der hl. Bernhard von Clairvaux und der
Autor der "Nachfolge Christi", der hl. Thomas von Kempen. Der oben
zitierte Schlüsselsatz "Si Christum noscis, ..." umrahmt dieses
Bild.
In der Westecke steht (der uns schon von der
Seminarkirche her bekannte) hl. Johannes Cantius für die Dogmatik
und die Moraltheologie. Er ist dargestellt beim Unterricht der
Theologen, darüber schwebt hl. Thomas von Aquin, dessen Summa
Theologiæ über Jahrhunderte das Lehrbuch der Dogmatik war.
Die Jurisprudenz wird - in der Südecke - vom hl.
Raimund de Peñaforte (im Bild) vertreten. Die Legende erzählt,
dass der Heilige dem König von Aragonien, Jakob I., dessen
Beichtvater er war, öffentlich wegen seines sittenlosen Lebens
getadelt und ihn verlassen habe, woraufhin der König unter
Todesstrafe allen verbot, den Dominikanermönch übers Meer zu
bringen. Da soll Raimund seinen Mantel ausgebreitet und über ihn
das Kreuzzeichen gemacht haben, und dann auf dem Kleidungsstück
übers Meer geglitten sein. Die letzte Episode dieser Legende ist
hier im Bild dargestellt.
In der Nordecke ist die Allegorie der Apologetik
dargestellt: der hl. Augustinus weist auf die Ecclesia, bei deren
Anblick die Häresien der Donatisten, Apollinaristen und Pelagianer
abstürzen.
Als letzte Disziplin wird in er Ostecke die
Rhetorik dargestellt: der hl. Ambrosius von Mailand mit dem Kaiser
Theodosius.
Die ältesten Bestände der Bibliothek,
illuminierte Handschriften und Frühdrucke gehen zurück auf die
Privatbibliotheken der Brixner Fürstbischöfe, u.a. auch von
Kardinal Nikolaus Cusanus. Das ehrwürdigste Denkmal ist sicher das
Karnoler Missale aus dem 14. Jahrhundert. Interessant ist auch die
große Anzahl von Bibelausgaben in verschiedensten Sprachen (u.a.
hebräisch, arabisch, äthiopisch, armenisch).
(Fabian Tirler)
(Literatur: K. Gruber, Das Priesterseminar in Brixen. Bozen 1990.)
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